“Wie im Wilden Westen”

Mehr als 70.000 Menschen sitzen im Süden Syriens an der jordanischen Grenze fest – mitten in der Wüste. Der jordanische Direktor des UN-Welternährungsprogramms Mageed Yahia zeichnet im Interview ein düsteres Bild der Zustände.

20170314-IMG_6463

Von Holger Vieth, Amman

Herr Yahia, welche Berichte erreichen Sie von der syrisch-jordanischen Grenze?

Es geht zu wie im Wilden Westen. Wir wissen, dass sich in den Camps verschiedene Milizen aufhalten und einige Kämpfer des IS. Auch Kriminelle und Schwarzhändler haben sich niedergelassen. Die Mehrheit der Menschen dort sind aber natürlich Familien, die nach Ausbruch von Kämpfen in ihrer Region ins vergleichsweise sichere Nachbarland fliehen wollten. Die jordanische Regierung sorgt sich aber sehr um die Sicherheit ihres Landes. Nicht ohne Grund, wie ein verheerender Selbstmordanschlag an der Grenze am 21. Juni vergangenes Jahr gezeigt hat.

Dieser Winkel Syriens ist selten in den Schlagzeilen. Wurde die Lage an der Grenze unterschätzt?

Wir haben die Situation nie unterschätzt. Wir haben uns immer für jene eingesetzt, die zum Überleben auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Schon seit Mitte 2015, als die ersten Flüchtlinge in die Grenzregion kamen. Inzwischen sind es dort Zehntausende. Die Situation ist immer noch fatal, es gibt zu wenig Lebensmittel, zu wenig Wasser, zu wenig Schutz, auch vor dem Wetter, und zu wenig medizinische Unterstützung. Und das sind nur die Grundbedürfnisse. Die Kinder müssen auch endlich Zugang zu Bildung erhalten. Aber unsere Operation in diesem Gebiet ist extrem herausfordernd.

Die Region ist militärisches Sperrgebiet.

Ja, und wir wissen, dass die Sicherheit Jordaniens ein sehr wichtiges Gut ist. Nach der kompletten Schließung des Übergangs nach dem Vorfall im Juni 2016 haben wir unsere Hilfsmaßnahmen fortgesetzt – und mit der Hilfe von Kränen Hilfsgüter von der einen auf die andere Seite gebracht. Im September haben wir eine Übereinkunft mit der jordanischen Regierung getroffen, die uns erlaubt, Hilfe über private Dienstleister zu verteilen – auch wenn wir sie wegen Sicherheitsvorfällen entlang der Grenze immer wieder unterbrechen mussten. Die privaten Dienstleister müssen von den Milizen vor Ort geduldet werden, um operieren zu können.

20170314-IMG_6456

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre Partner vertrauenswürdig sind?

Wir haben einen sehr detaillierten Anforderungskatalog, der uns Sicherheit geben soll, dass die Hilfe bei jenen ankommt, für die sie bestimmt ist. Wir haben Videomaterial von den Verteilungen. Außerdem wurden die Personalien der Bedürftigen kontrolliert oder ihre Identität auf andere Weise festgestellt. Wir konnten auch Einzelinterviews führen und haben Fragebögen von den Betroffenen ausfüllen lassen. Aber natürlich ist es nicht der Normalfall, wie wir dort Hilfe leisten.

Neben dem Einsatz der Kräne haben Sie auch Drohnen eingesetzt, um die Verteilung der Hilfsgüter zu überwachen. Müssen internationale Organisationen in solch außergewöhnlichen Situationen besonders kreativ werden?

Unbedingt. Wir müssen alles tun, um die humanitären Prinzipien hochzuhalten. Und wir müssen sicher gehen, dass die Hilfe nicht missbraucht wird und jene erreicht, für die sie vorgesehen ist. Aber natürlich wissen wir um die speziellen Umstände unserer Arbeit in diesem Niemandsland, eben durch die Anwesenheit der Milizen und derer, die von der Not anderer profitieren wollen – und den beschränkten Zugang. Das ist eine außergewöhnliche Operation, die außergewöhnliche Maßnahmen erfordert. Der Bedarf für humanitäre Hilfe in der Region ist enorm.

Engagiert sich die internationale Gemeinschaft genug?

Sie hat generell gut reagiert. Gerade die deutsche Regierung hat einen hohen Anteil daran, dass wir möglichst vielen Menschen helfen können. Aber die Krisen in der Welt nehmen derzeit kein Ende. Wir haben eine Krise in Syrien, im Irak, im Jemen, eine kürzlich ausgebrochene Hungersnot im Südsudan und ähnliche Situationen in Somalia und Nigeria. Nicht zu vergessen die Krisenherde Libyen und Ukraine, um nur ein paar zu nennen. Die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft kann sich heutzutage schnell von einer auf die andere Krise verlagern. Deshalb müssen wir weiter wachsam bleiben.

(C) KNA

OG_KNA_Logo

%d bloggers like this: