Wanted: Touristen

Seit dem Kriegsausbruch in Syrien haben sich die Touristenzahlen im Nachbarland Jordanien halbiert. Die Wirtschaft des Landes leidet – und auch der König ist ratlos.

Es ist dunkel in Petra. Nur der Schein des Lagerfeuers lässt noch erahnen, was für eine Kulisse sich hier versteckt hält. Ghassab Al B’doul hat es sich auf einer dünnen Matte vor seiner Höhle bequem gemacht, in die er immer wieder abenteuerlustige Touristen für eine Nacht einquartiert – mit Ausnahmegenehmigung der Behörden. Der hoch gewachsene Beduine mit der drahtigen Gestalt ist in der berühmten Felsenstadt geboren, die einst von den Nabatäern in den Sandstein gemeißelt wurde und in der später auch Zivilisationen wie Römer, Griechen und Byzantiner ihre Spuren hinterließen.

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Blick auf die Schatzkammer in Petra

Noch bis in die 80er Jahre lebte sein Stamm in den Höhlen der Schlucht. Doch als immer mehr Menschen von außerhalb der Schönheit des Ortes verfielen und der Tourismus wie nie zuvor voran getrieben wurde, mussten die Beduinen weichen und in eine seelenlose Fertigbau-Siedlung im Umland ziehen. Viele Mitglieder des B’doul-Clans haben sich mit der Situation irgendwie arrangiert. Sie verkaufen Souvenirs, verleihen ihre Esel, die hier in dem schroffen Gelände das beste Fortbewegungsmittel sind, oder führen die Touristen zu Fuß zu den schönsten Orten des mehr als 250 Quadratkilometer großen Areals. Einige der Beduinen arbeiten auch im angrenzenden Ort Wadi Musa, in dem in den vergangenen Jahrzehnten Hotel um Hotel gebaut wurde, wenige sind noch als reine Viehhirten unterwegs.

Doch seit dem Krieg im Nachbarland Syrien und im Irak laufen die Geschäfte schlecht. “Die Menschen haben nach alldem, was sie aus Syrien hören, vielleicht Angst hierher zu reisen”, mutmaßt Ghassab B’doul. Mehr als 20 Jahre hat er in seinem Leben in Deutschland verbracht, unter anderem als Student in Würzburg, was seinem Deutsch eine dezent bayerische Note verliehen hat.

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Ghassab Al B’doul vor dem Kloster in Petra

Zwischen 2010 und 2016 halbierte sich die Zahl der Besucher in Petra, der bedeutendsten Sehenswürdigkeit des Landes, von rund 910.000 auf rund 460.000. Eine extrem schwierige Situation für den Tourismus-Sektor, der nach dem Phosphat-Export der zweitgrößte Devisenbringer des Landes ist. Während viele Hotelbetten und Restaurant-Tische leer bleiben, laufen die Geschäfte von Ghassab B’doul vergleichsweise gut, oder um in seinem Wortlaut zu bleiben: “Basst scho.” Er hat sich seine Nische gesucht, spricht mit seinen Trekking-, Kletter- und Yogatouren vor allem den Teil der Urlauber an, der etwas Außergewöhnliches in einem besonderen Ambiente erleben will. Viele seiner Gäste sind Weltenbummler, die sich in dem Land schon gut auskennen und wissen, wie sicher dieser Teil der Welt eigentlich ist.

Denn Jordanien ist seit vielen Jahren ein Stabilitätsanker in der Region. Nicht nur wahrt der Politjongleur König Abdullah II. gute Beziehungen zu so unterschiedlichen Ländern wie Israel, den USA und Saudi-Arabien. Auch Massenunruhen wie in Tunesien oder Ägypten während des Arabischen Frühlings blieben hier aus. Dazu beherbergt das Land rund 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien und Irak, wenngleich die Grenze im Norden des Landes nach einem Selbstmordanschlag in einem Flüchtlingslager auf syrischer Seite im Sommer letzten Jahres hermetisch abgeriegelt wurde.

Auch wenn nicht von allen geliebt, wird der Monarch doch von einem großen Teil seiner Landsleute sehr geschätzt. Und das nicht nur, weil die Verfassung jede Kritik am König verbietet. Doch der Wirtschaftsmotor stottert, auch weil der Tourismus in dem Land nicht mehr richtig in die Gänge kommt. Abhilfe kommt wie seit langer Zeit von dem Teil der Jordanier, der in den Golfstaaten, den USA oder in Europa arbeitet und einen Teil des Verdienten wieder in das Land fließen lässt. Auch direkte finanzielle Hilfen der Vereinigten Arabischen Emirate und des Nachbarlandes Saudi-Arabien federn das Schwächeln der Ökonomie etwas ab. Doch nach wie vor liegt das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Jordanien mit etwas mehr als 5000 US Dollar weit unter dem vieler Länder im Süden der arabischen Halbinsel.

Gegen den Besucherschwund in Jordanien hat auch der König noch kein Mittel gefunden. Sanfte Gegenmaßnahmen wie die Erhöhung des Werbebudgets, kleine Nachlässe bei den Gebühren an den Flughäfen und den Eintrittspreisen einiger Attraktionen haben kaum Wirkung gezeigt. Wie nach Petra werden auch in der zweit wichtigsten Attraktion des Landes, dem Wadi Rum, deutlich weniger Touristen gezählt als üblich, ähnliche Berichte kommen aus Aqaba, dem Küstenstädtchen am Roten Meer, das vor allem bei Tauchern und Strandfreunden beliebt ist.

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Das Wadi Rum

In Wadi Rum, in dem vor hundert Jahren Lawrence von Arabien gegen die Osmanen kämpfte, halbierte sich die Zahl der Besucher wie in der Felsenstadt Petra innerhalb von gerade einmal vier Jahren. “Es ist gerade eigentlich Hochsaison, aber es fühlt sich hier durchgängig nach Nebensaison an”, sagt Salameh Al Naimat. Er muss es wissen. Schon seit Jahren liegt sein Arbeitsplatz mitten in der Wüste, wo er Touristen traditionelle Gerichte der beduinischen Küche kredenzt – in einem der vielen kleinen Zeltlager, die als Basiscamp für Ausflüge dienen. “Es kommen immer weniger, manchmal bin ich sogar ein paar Tage alleine hier”, berichtet er.

Das von steil aufragenden Sandstein- und Granitbergen durchzogene Naturschutzgebiet ist ein Ort der Ruhe. In der Nacht ist hier nur das sanfte Rauschen des Windes zu hören. Dem 40-jährigen Al Salameh al Naimat wäre es wie vielen Jordaniern allerdings recht, wenn die Stille bald häufiger wieder von den Stimmen der Touristen durchbrochen würde.

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