der strahlende schleier

Die Region Fukushima wurde gleich von drei Katastrophen erschüttert. Die radioaktive Verseuchung zwingt noch immer Zehntausende, ihr Dasein in Containersiedlungen zu fristen. Die Hoffnung auf ein Leben in Würde lassen sie sich trotzdem nicht nehmen.

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Tomoyo Watanabe hat nicht alles verloren. Zumindest auf einen ersten Blick. Nein, alles steht ordnungsgemäß an seinem Platz. Ihr Haus ist noch da. Ihr einstiger Stolz, der Garten, zwar etwas verwildert, aber noch immer ihr Garten. Zugegeben, die Maschinen für den Acker haben in den vergangenen gut fünf Jahren ein wenig Rost angesetzt. Aber sie springen an, sobald der Schlüssel im Schloss umgedreht wird. Doch in dieser Region Japans kann man seinen Augen schon seit langem nicht mehr trauen. Die 69-Jährige kommt aus Minamisoma, einer Stadt in der Präfektur Fukushima.

Ihre einstige Heimatstadt liegt nur rund 30 Kilometer entfernt vom im Jahr 2011 havarierten Kraftwerk Fukushima Daiichi – und wurde wie Teile dieses Komplexes von einem Tsunami schwer getroffen. Seinen Ursprung hatte die zeitweise über 30 Meter hohe Flutwelle in einem Erdbeben der Stärke 9 auf der Richterskala. Wenig später setzte der saure Regen ein, der einen unsichtbaren Schleier der Radioaktivität über große Teile der Region legte und sie für Jahre unbewohnbar machte. Auf die sichtbare folgte die unsichtbare Katastrophe.

“Mein Haus liegt auf einem Hügel”, sagt Watanabe. “Ich habe gesehen, wie die Welle die Autos und Häuser unserer Stadt wie Spielzeug zerstört hat”, erzählt die alte Dame, die inzwischen in einer Containersiedlung wohnt, die von Caritas international unterstützt wird. Mehr als 6,8 Millionen Euro setzte das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes für die akute Nothilfe, den Wiederaufbau und soziale Projekte ein, von denen viele noch andauern. Einige der Bewohner der damals rund 60.000 Einwohner zählenden Gemeinde hatten weniger Glück als Tomoyo Watanabe. Fast 3000 starben damals, am 11. März 2011, als sich die gewaltige Energie, die beim Kräftemessen der nordamerikanischen und pazifischen Kontinentalplatte erzeugt wird, schlagartig entlud.

Auch wenn Watanabe das Privileg hat, dass ihr Zuhause noch steht, fragt sie sich: “Wieso sollte ich zurück? Was könnte ich dort machen, ganz alleine?”

Trotz der Radioaktivität, die sich mit den oberflächlichen Dekontaminationsarbeiten von Regierung und Kraftwerksbetreiber Tepco nicht in Luft auflösen wird, ist die Hoffnung, irgendwann zurückzukehren, bei den Menschen aus den evakuierten Städten und Dörfern noch fühlbar. Viele, gerade die jungen, haben sich aber längst ein neues Leben in anderen Landesteilen aufgebaut. Der demographische Wandel, heißt es hier immer wieder, wurde auf einen Schlag um Jahrzehnte beschleunigt. So sind es vor allem die Senioren, die in den Containersiedlungen wohnen, in denen jeder eine kleine Parzelle zur Verfügung hat, die nicht größer als 20 Quadratmeter ist. In der Region leben insgesamt immer noch Zehntausende Menschen in diesen seelenlosen Orten aus Holz und Metall, die eigentlich nur ein Provisorium sein sollten.

Watanabe lässt sich von all den Prüfungen des Lebens nicht aus der Bahn werfen. Ihre tiefen Lachfalten zeugen von ihrem Wesen. Sie ist ein Stehaufmännchen, das in der tiefsten Krise noch versucht, anderen zu helfen. “Anderen, denen es schwer fällt, noch das Gute zu sehen.” Mit Hilfe der japanischen Organisation AAR, die neben der Caritas Japan der wichtigste Partner von Caritas international vor Ort ist, plant sie Aktivitäten, die den Senioren ein kleines bisschen Abwechslung bieten und sie aus ihrer Einsamkeit herausholen.

“Das ist nach wie vor eine der größten Herausforderungen”, sagt Shinichiro Ohara, Projektmanager von AAR in Fukushima. “Viele haben Dramatisches erlebt, Verwandte oder Freunde verloren, die Fischer ihre Boote, die Bauern ihr Land. Das kann man nicht so einfach verarbeiten”, erklärt er.

“Viele haben sich erst einmal zurückgezogen und am gemeinschaftlichen Leben nicht mehr teilgenommen”, sagt Ohara. Was mitunter zu fatalen Situationen führte. Schon häufiger kam es in den Siedlungen vor, dass alte Menschen starben und ihr Leichnam erst viele Tage später gefunden wurde. “Wir versuchen, das soziale Netz enger zu weben. Dass die Menschen aufeinander aufpassen, auch wenn wir nicht da sind.”

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Gerade Massage-Stunden, die von Freiwilligen angeboten werden, dienen als Eisbrecher bei den traditionell eher reservierten und aufs Private zurückgezogenen Japanern. Nach den Übungen setzen sie sich oft an einen Tisch mit anderen Bewohnern ihrer Siedlung und den Mitarbeitern von AAR, trinken grünen Tee oder Kaffee, reden über Alltägliches und lachen zusammen. Einige nutzen auch die Möglichkeit, über ernstere Themen zu sprechen – und ihre traumatischen Erfahrungen und Zukunftsängste anzusprechen. “Es ist wichtig, dass es diese Angebote gibt”, sagt Tomoyo Watanabe. Besonders schön sei es, wenn Freiwillige aus anderen Landesteilen kämen, um zu helfen. Es bringe die Mitglieder der Gemeinschaft wieder näher zusammen und zeige ihnen, dass sie nicht vergessen wurden. Doch sie trägt auch selbst ihren Teil dazu bei, besucht etwa besonders alte Bewohner der Containersiedlungen regelmäßig in ihren kleinen Quartieren. Um nach dem Rechten zu sehen, und um etwas Trost und Hoffnung zu spenden.

Besonders schwer sei es gewesen, sagt Ohara, Männer für Gruppenaktivitäten zu gewinnen. Deshalb hat er mit Unterstützung von Caritas international in mehreren Containersiedlungen ein “Urban-Gardening”-Projekt gestartet. “Es wird sehr gut angenommen und ist inzwischen ein Selbstläufer”, sagt er nicht ohne Stolz. Alles wofür er sorgen musste  – viele der Aktiven haben früher ein Stück Land bewirtschaftet -, waren große Kübel, frische Erde aus anderen Teilen des Landes und ein bisschen Saatgut. “Damit fühlen sie sich wieder gebraucht, wenn natürlich auch in kleinem Rahmen”, berichtet er.

Ob jemals wieder ein normales Leben im Nordosten der Präfektur Fukushima einkehren wird, weiß hier niemand. Zwar will die Regierung die Evakuierungsbeschlüsse in den kommenden Jahren Stück für Stück zurücknehmen. Doch nur die Wenigsten können sich vorstellen, wieder zurückzugehen. Tomoyo Watanabe fällt es aber nicht ein, deswegen zu resignieren. “Das hat doch noch nie etwas gebracht.”

nc

 

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