kein weg zurück: der fluch der flucht

Die Gefechte im Osten der Ukraine trieben die Großfamilie Komashko in die Flucht. Sie ließen fast alles zurück und mussten ein neues Leben anfangen. Auch wenn ihre Heimat nicht weit entfernt liegt, ist sie doch unerreichbar.

Vasil Ivanjuk war schon vieles in seinem Leben. Erst diente er als Soldat beim ukrainischen Militär. Dann tauschte er das Gewehr gegen das Kruzifix und den Tarnanzug gegen den Talar. Inzwischen könnte sich der 48-Jährige guten Gewissens drei weitere Berufe in den Lebenslauf schreiben. Denn seit die Gefechte losgingen, ist er nicht nur Priester, sondern auch irgendwie Psychologe, Sozialarbeiter und Logistiker.

In Kramatorsk und der Umgebung kümmert sich Ivanjuk als regionaler Caritas-Präsident um die Vertriebenen aus den östlicher gelegenen Gebieten des Landes. Er verteilt unter anderem Chipkarten an besonders bedürftige Familien, mit denen sie monatlich einen kleinen Betrag bei der Bank abheben können, um sich das Nötigste zu kaufen: Lebensmittel, Wasser, Medikamente, Kleidung. Er spendet Segen, betet mit Gläubigen, hilft bei Amtsangelegenheiten und besucht Opfer des Konflikts in ihren Notunterkünften. Auch an die Front fährt er regelmäßig. Um den Überblick in dem Konflikt zu behalten und um den ukrainischen Soldaten ein bisschen Mut zu schenken. Sein jüngster von zwei Söhnen ist einer von ihnen.

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Was sein ältester Sohn macht? “Er ist ein Soldat Gottes”,   sagt Ivanjuk und lächelt – ein Priester, so wie er. Inzwischen sind die Separatisten aus der unmittelbaren Umgebung abgezogen und bündeln ihre Kräfte rund um Donezk und die Hafenstadt Mariupol. Während an den strategisch wichtigen Kreuzungen rund um die Nachbarstadt Slawjansk viele Gebäude in Trümmer geschossen wurden und zahlreiche Menschen starben, kam Kramatorsk vergleichsweise glimpflich davon. Die eingekehrte Ruhe nutzt Ivanjuk mit seinem Team, um sich um die Menschen zu kümmern, die aus dem Osten in die vom ukrainischen Militär gehaltenen Gebiete geflohen sind.

Einer dieser Menschen ist Lilya Komashko. Anders als Ivanjuk sind ihr die politischen Hintergründe des Konflikts in der Ukraine egal. Wer Schuld hat? Die Nato? Der Kreml? Die Maidan-Demonstranten? Putin? Poroschenko? Sie zuckt mit den Schultern. Die Mutter von sieben Kindern wünscht sich einfach ein normales Leben. “Ich möchte nicht über Politik reden, eine Seite wählen. Ich bin für den Frieden und ich finde, diese Leute sollten sich einigen”, sagt die 37-Jährige.

Familien flüchten überstürzt

IMG_0482Mit ihrer Familie war sie Hals über Kopf aus den Separatistengebieten geflohen, als die Gefechte losgingen. Ihr großes Haus mit Garten in Makijiwka, der Nachbarstadt von Donezk, ließen die Ko­mashkos schweren Herzens zurück. Lilya erzählt ihre Geschichte, während sie in einer spartanisch möblierten Küche steht. Der schmale Raum gehört zu einer kleinen Plattenbauwohnung in Kramatorsk, in der die Familie Unterschlupf fand – rund 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Immer wieder zerrt der Nachwuchs an Lilyas Rockzipfel. Ungerührt erzählt sie ihre Geschichte, während sie ihr jüngstes Kind, die einjährige Maria, im Arm hält. Nein, sie möchte nicht über Politik reden. Aber sie möchte, dass das Schicksal der Menschen in der Ostukraine bekannt wird. “Wir haben unsere Nachbarn gefragt, ob sie nach unserem Haus schauen können”, sagt Lilya. “Trotzdem haben wir Angst, dass alles darin gestohlen sein wird, wenn wir wiederkommen.” Wie ihnen gehe es vielen Vertriebenen in diesen Tagen.

Die älteste Tochter Natalia vermisst vor allem ihr Klavier. Fast täglich übte die 15-Jährige daran. Als sie sich mit ihren Geschwistern, Eltern und ihrer Großmutter in Sicherheit brachte, konnte sie nur ihre Geige mitnehmen. Während ihre Mutter davon berichtet, holt sie das Instrument kurzerhand hervor und gibt eine Probe ihres Könnens.

Die Familie war nie reich, trotzdem stand sie immer mitten im Leben. Jetzt steht sie vor dem Nichts. Wären nicht die Hilfen der Caritas Ukraine und anderer Hilfswerke, die die Komashkos finanziell unterstützen, wäre ihre Lage noch fataler. Im Alltag reicht das Geld aus, damit die Familie ein bisschen Wasser, Milch, einige Lebensmittel und ein paar Medikamente für die Großmutter besorgen kann. Durch die Hilfe engagierter Sozialarbeiter(in­nen) können die älteren Kinder außerdem zur Schule gehen. Auch wenn sie eine Klasse zurückgestuft wurden und sich nicht genug gefordert fühlen.

Die Preise für Waren des täglichen Bedarfs sind hoch in Kramatorsk. Doch in den Separatistengebieten sind sie fast unbezahlbar. “Alles ist sehr, sehr teuer und es ist sehr schwierig, Wasser zu bekommen”, berichtet Lilya über den Alltag in der Welt hinter den Checkpoints von ukrainischer Armee und Separatisten. “Es ist dort fast unmöglich, Fleisch zu bekommen. Eine Wurstfabrik hat ihre Produktion komplett eingestellt. Die Menschen hungern”, sagt sie.

DSC_0356Die Komashkos sind kein Einzelfall in der Region, in der nach Zahlen der Vereinten Nationen rund 1,2 Millionen Menschen als intern Vertriebene gelten und fast 800.000 in andere Länder geflohen sind (Stand: 3. April 2015). Es sind horrende Zahlen wie diese, die dem Präsidenten der Caritas  Ukraine, Andrij Waskowycz, Kopfzerbrechen bereiten. Zwar hat die Organisation durch das Auswärtige Amt und Caritas international, das Hilfswerk des Deutschen Caritasverbandes, zuletzt weitere zwei Millionen Euro für Vertriebenenprojekte zur Verfügung gestellt bekommen. Angesichts der allgemeinen Not kann Hilfe jedoch nur punktuell geleistet werden. Rund 50.000 Menschen erreichte die Caritas Ukraine bislang mit ihren Hilfsleistungen, bei denen es vor allem um die finanzielle Unterstützung, eine bessere Versorgung der Menschen mit Wasser und die Verteilung von Medikamenten und Kleidung geht. Aktiv ist die Caritas, die vor der Krise vor allem im Westen des Landes verwurzelt war, inzwischen neben den dortigen Bezirken – oder Oblasten, wie sie in der Ukraine heißen – in Kiew, Odessa sowie im Osten in Dnipropetrovsk, Zaporizhya, Charkiw und Donezk.

“Niemand war auf eine Katastrophe dieses Ausmaßes vorbereitet”, sagt ­Waskowycz. Die Gedankenspiele für Ausnahmesituationen hätten sich zuvor auf das Szenario einer Flutkatastrophe beschränkt. Mit einem bewaffneten Konflikt habe niemand gerechnet. Und auf den ukrainischen Staat könne man bei der Lösung der humanitären Fragen derzeit nicht zählen. “Die ukrainische Regierung konzentriert sich auf die teure Verteidigung ihres Landes”, sagt Waskowycz. Die Kassen seien zudem leer, weil die Ukraine von den ehemaligen Machthabern “ausgeraubt” worden sei.

Die zivilgesellschaftlichen Strukturen sind in der Ukraine vergleichsweise klein. Auch die Caritas Ukraine musste sich schnell an die neue Lage anpassen. Es wurden unter anderem neue Partner im Osten des Landes gesucht und zahlreiche Mitarbeiter(innen) eingestellt. Für ihren Einsatz zur Bewältigung der Ukraine-Krise wurde die dortige Caritas jüngst mit der wichtigsten karitativen Auszeichnung des Landes belohnt. Caritas-Chef Waskowycz nahm den “Charitable Ukraine Award” bei der Verleihung in Kiew von der Gattin des amtierenden Präsidenten, Marina Poroschenko, im Empfang. Mit dem Preis wird honoriert, wie sehr die Mitarbeiter(innen) in dieser Ausnahmesituation an ihre Grenzen gehen. Er soll aber wohl auch symbolhaft zeigen, was eine vergleichsweise kleine Organisation in einem solchen Konflikt leisten kann.

Den ganzen Tag im Einsatz…

Pfarrer Ivanjuk ist fast rund um die Uhr im Dienst. Immer wieder hat er sein Mobiltelefon am Ohr, um Hilfsmaßnahmen zu koordinieren und sich um die Lösung kleiner bis großer Probleme zu kümmern. Sein Ziel ist es, möglichst vielen Familien über diese schwere Zeit hinwegzuhelfen. Damit sie irgendwann wieder in ihre Heimat zurückkehren können. Davon träumt auch Lilya Komashko: “Jeden Tag fragen mich die Kinder: Wann gehen wir endlich zurück? Wenn sie das sagen, fällt es schwer, nicht in Tränen auszubrechen.”

nc

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