Ein bisschen Frieden

Auch nach dem Friedensabkommen in Kolumbien grassieren im ehemaligen Einflussgebiet der FARC-Rebellen weiter Misstrauen und Gewalt – und die entwaffnete Guerilla macht sich schon Gedanken über einen Plan B. Doch die Hoffnung hat noch nicht kapituliert.

Aus San Vicente del Caguán

Holger Vieth (Fotos und Text)

Der Friedensvertrag ist für die Menschen im Süden Kolumbiens bisher vor allem ein kühnes Versprechen. “In der Realität hat sich leider kaum etwas verändert”, sagt Pablo Benitez* und seufzt. Der Kleinbauer lebt in einem der vielen schwer zugänglichen Dörfer in Caquetá, am Rande des Amazonasgebietes. Es ist die Provinz, die früher als das Herz der FARC-Guerilla galt und deren Bewohnern mit dem im November 2016 unterzeichneten Abkommen nach mehr als 50 Jahren Bürgerkrieg eine neue Zeitrechnung versprochen wurde.

Doch nicht alle Mitglieder der marxistischen Kampftruppe haben sich einfach von oben herab befrieden lassen. Auf mehr als 1000 wird die Zahl der sogenannten Dissidenten in Kolumbien geschätzt, also derjenigen, die den Weg der FARC mit militärischen Mitteln weitergehen wollen oder sich kriminellen Banden angeschlossen haben. Oft haben sie diesen Weg weniger aus Überzeugung, sondern aus Perspektivlosigkeit gewählt – in einer Region, die zu den ärmsten Kolumbiens gehört. So lässt sich etwa mit Schutzgelderpressung und Drogenschmuggel seit vielen Jahrzehnten gutes Geld verdienen.

 Jeden Abend Hausarrest

Neben den Dissidenten haben sich nach der Entwaffnung des Großteils der FARC-Guerilla eine Vielzahl von Gruppierungen in dem entstandenen Machtvakuum breit gemacht. Unter ihnen: Jugendgangs, die linke ELN-Guerilla und paramilitärische Milizen.

Um die Bewegungsmöglichkeiten ihrer Feinde, der FARC-Dissidenten und ihrer Unterstützer, zu begrenzen, haben die Paramilitärs in einem weiten Teil der Provinz eine Ausgangssperre durchgesetzt, die es den Bewohnern verbietet, nach neun Uhr abends das Haus zu verlassen. Doch neben diesen Maßnahmen, die das tägliche Leben erschweren, werden sie auch mit vielen Gräueltaten in Verbindung gebracht. “Erst in der letzten Woche wurden acht Menschen in der Region ermordet. Ein falsches Wort kann zu viel sein”, sagt Benitez, der einer Gruppe von Führungspersönlichkeiten in der Gemeinde angehört, einer besonders gefährdeten Spezies in diesem Teil der Welt.

Einige von ihnen sollen aufgrund ihrer Nähe zur Guerilla von Mitgliedern der Paramilitärs ermordet worden sein. “Manchmal können wir aber auch nur ahnen, warum es wieder jemanden getroffen hat. Wir leben in ständiger Angst”, erklärt Benitez. Der Staat, so sind sich hier alle einig, tut zu wenig, um Recht und Ordnung aufrecht zu erhalten. Spätestens sobald es dunkel wird, verlassen die Polizisten in der nächstgelegenen Stadt San Vicente de Caguán aus Sicherheitsgründen nicht mehr die Wache und im ländlichen Part geht ihre Präsenz ohnehin gegen Null. Auch das inzwischen in der Region stationierte Militär wirkt für die meisten Einwohner nur wie eine billige Requisite in einem Theaterstück.

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Unterdessen versuchen sich viele derer, die früher selbst Polizeiwachen angegriffen haben, in der Fisch- und Schweinezucht. In Miravalle, einer abgelegenen Siedlung der entwaffneten FARC, grunzen vier prächtige Säue und ihre Ferkel um die Wette. In einem Becken tummeln sich Tausende Tilapia-Fische. Die Landwirtschaft und die Tierzucht seien keine völlig unbekannten Felder für die Ex-FARC-Kämpfer, erklärt ein ranghohes Mitglied der entwaffneten Guerillagruppe. Man habe sich früher nicht nur mit Blei beschäftigt. Mittelfristig sei es ihr Ziel, zu Selbstversorgern zu werden. Die Fische sollen irgendwann als Tauschmittel gegen andere Waren eingesetzt werden, die hier im Dschungel schwer zu bekommen sind. Ganz hoch im Kurs stehen Baumaterialien, da die Ex-Guerilleros mit den vom Staat gebauten Behausungen, in denen nach jedem Schauer eine Wasserlache steht, nicht sonderlich glücklich sind.

Ein zerbrechlicher Pakt

Doch die politischen Entwicklungen bringen Unruhe in das Camp. Die jüngsten Parlamentswahlen haben gezeigt, wie gespalten die Gesellschaft noch ist und die kommenden Präsidentschaftswahlen werden vor allem zu einer Abstimmung über den Friedensprozess werden. Die Kandidaten mit den größten Chancen sind Ivan Duque vom rechts-konservativen Lager um den ehemaligen Präsidenten Alvaro Uribe und im Mitte-Links-Lager der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt Bogotá, Gustavo Petro. Während der eine das Rad der Zeit gerne soweit es geht zurückdrehen würde, will letzterer den Friedenskurs des abtretenden Präsidenten Juan Manuel Santos fortsetzen.

Sollte Duque bei der kommenden Präsidentschaftswahl in Kolumbien im Mai gewinnen, könnten den Ex-Guerilleros trotz des rechtlich bindenden Friedensvertrags einige Repressalien drohen. Ein Fall, für den sie sich zumindest schon einmal verbal gerüstet haben. Wenn der Staat wieder in den Krieg ziehen wolle, könnten sie auch einfach wieder im nahe gelegenen Wald verschwinden, heißt es hier. Eine Aussage, die zeigt, wie fragil der Friedensprozess in Kolumbien noch ist.

Für Hilfsorganisationen wie die Caritas ist die Lage in der Provinz Caquetá, aber auch in anderen Regionen, eine Herausforderung. Doch kirchliche Organisationen haben auch Vorteile in diesen abgelegenen Gegenden, da ihre Repräsentanten in der Vergangenheit im Gegensatz zu denen des Staates immer präsent waren. Sie sind anerkannt und gelten als neutrale Kraft. Auch in den Verhandlungen zwischen der Regierung und der FARC- und aktuell mit der ELN-Guerilla haben sie eine vermittelnde Rolle eingenommen.

Der neueste Kampf richtet sich gegen das Misstrauen

Nichts desto trotz ist aller Anfang schwer. In gemeinsamen Sitzungen müssen die Mitarbeitenden der kolumbianischen Caritas erst einmal das Vertrauen der Anwohner gewinnen. In der Gemeinde von Pfarrer José Ricardo Ramirez, die eine Zweistunden-Fahrt auf einer Buckelpiste von der nächstgrößeren Stadt entfernt ist, helfen bunte Luftballons dabei, das Eis zu brechen. Die zunächst skeptischen Mienen lösen sich, als die zu dem Treffen gekommenen Bewohner des Dorfes und Mitarbeitenden der kolumbianischen Caritas ihr Lieblingstier auf einen Luftballon malen und der Runde ihre Gemeinsamkeiten mit ihm erklären sollen.

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Dorfpastor Ramirez outet sich als Katzen-Typ. „Sie sind freiheitsliebend und mögen trotzdem die Gemütlichkeit – so wie ich“, sagt er und muss schmunzeln. Doch mit der Freiheit ist es hier so eine Sache. Nicht jeder will offen über die Vergangenheit reden. Zu groß ist die Angst, für ein falsches Wort zu sterben. Sowohl paramilitärische Organisationen wie die Aguilas Negras, die Schwarzen Adler, und die Dissidenten der FARC unterhalten ein dichtes Netz an Informanten und Sympathisanten.

Doch die Hoffnung auf Frieden besteht weiter, trotz aller Schwierigkeiten in der Region. „Wir sind überzeugt, dass die Vorteile des Friedensvertrags überwiegen. Und wir werden unermüdlich dafür arbeiten, ihn mehr und mehr mit Leben zu füllen“, sagt Ramirez. “Allerdings wird es einen langen Atem brauchen.”

*Namen geändert